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Kalter Krieg
Kann man wirklich Frieden schaffen
mit den Waffen der Kultur? Tim Scholl
erinnert an Zeiten, als sich Ost und West
auf Spitzenschuhen gegenüberstanden
Das namhafte Ballettkompanien auf internationale Tourneen
gehen, ist heute vorrangig ökonomisch motiviert. Freizügigkeit,
die notwendige Voraussetzung, wenn wie jüngst das englische
Royal Ballet nach Kuba reisen kann, erscheint als eine Selbstverständlichkeit.
Unterwegs verströmen die reisenden Künstler zwar
die warme Botschaft der Völkerverständigung beim gemeinsamen
Kunstgenuss. Politische Sprengkraft hat das aber keine. Zu Zeiten
des Kalten Kriegs, als Kulturaustausch nicht «Damenprogramm
» war, sondern im Graubereich zwischen Außen- und Verteidigungsministerium
verhandelt wurde, da verkörperte das Ballett
das klassische Wettrüsten auf dem Terrain geteilter Ideale. Wie
Astronauten und Kosmonauten ums Weltall eiferten, so strebte man
auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs nach der vollkommensten
Schönheit, der größten Eleganz und erdenfernsten Leichtigkeit
im Ballett.
Das war die eine, die förmlich verdeckte Seite der Kulturdiplomatie;
im offiziellen Sprachgebrauch stand an erster Stelle natürlich
der Wunsch nach Erwärmung der Beziehungen durch Charmeoffensive.
Wie so oft, hielt man den Tanz, seiner universellen Sprache
wegen, für das am besten geeignete Vehikel hierfür. Wahr daran
ist zumindest, dass die russischen Ballettklassiker in den USA
sehr beliebt (und bekannt) waren und kein offensichtlicher Übersetzungsbedarf
zu herrschen schien.
Die US-Regierung (und die Geheimdienste) hielten Werke wie
«Porgy and Bess» und «West Side Story» für exportfähig, die die
kritisch-idealistische künstlerische Auseinandersetzung mit der
sozialen Realität Amerikas zeigten, Künstler wie Martha Graham
und Jackson Pollock, die für ein zukunftsorientiertes, modernes
Amerika standen. Dem europäischen Vorurteil, die Vereinigten
Staaten hätten gar keine Kultur, setzte man in großzügig angelegten
Festivals das Musiktheater amerikanischer Prägung entgegen:
mit «Oklahoma!» und Balanchines New York City Ballet feierte man
beim Berliner Publikum 1951 und 1952 weit mehr als Achtungserfolge.
Der Kalte Kulturkrieg begann genau dort, in Berlin, wo die
Wahl des Theaterpublikums zwischen Brecht und O’Neill schon
bald nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Wahl zwischen den Systemen
werden konnte.
Schon damals gehörten zum amerikanischen
Kulturadel eine ganze Reihe osteuropäischer
Emigranten. Als Organisatoren hinter den
Kulissen und Stars auf der Bühne stärkten
sie die US-Verteidigungslinie wesentlich. Deren
Bannerspruch, wie sollte es anders sein,
die Freiheit der Kultur – zur Kreation und
vom Staat – war. Wenn die Sowjetunion den
Realismus in der Bildenden Kunst, narrative
Handlungsballette und tonale Musik propagierte,
so unterstützte man westlich des Atlantiks
Abstraktion und Atonalität. Im Zweifel
gegen den eigenen Geschmack.
Im folkloristischen Tanz und im klassischen
Ballett aber schienen die Russen einfach die
Nase vorn zu haben. Ein gewisser Minderwertigkeitskomplex
der Amerikaner in der
Hinsicht lässt sich nicht leugnen, obwohl
die vom US-Außenministerium nach 1954
einberufene Tanzkommission nicht aus Neulingen
bestand: darunter Lucia Chase, die
Direktorin des Ballet Theatre (heute ABT), die
Direktorin des Dance Department an der
Juilliard School, Martha Hill und u. a. Doris
Humphrey, Lincoln Kirstein, Agnes de Mille,
Hanya Holm … Lieber hätte Amerika seine
hochgerühmten Modern-Dance-Ensembles
gen Osten geschickt. Aber Vergleichbarkeit
war ein heiliger Grundsatz sowjetischer
Kulturaustauschpolitik – Russland entsandte
seine Ballettkompanien und bestand im
Gegenzug auch darauf. Andernfalls, so riet
man den verlegenen Amerikanern, man die
US-Balletttruppen auch gerne zu Weiterbildungsaufenthalten
empfange. Womit bewiesen
sein sollte: Das Ballett gehörte den Russen.
Ihnen oblag es auch, die Kunstform zu
neuen Höhen zu führen. Um 1949 hießen
diese «drambalet» – epische Mehrakter,
meist auf literarischer Grundlage (Shakespeare,
Puschkin, Balzac etc.), mit psychologischen
Prätentionen und einem unverhohlenen
sozialpompösen Triumphalismus.
Davor musste etwa Balanchines «Serenade»
blass aussehen. Und der Hang westlicher
Ballett-Tänzer zu russischen Künstlernamen
(so die Londonerin Lillian Alicia Marks, die als
Alicia Markova bekannt wurde) war dem russischen
Spott eine willkommene Vorlage.
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