The Classic

Ballet at the Vaganova:
James Hill visited the storied Vaganova Ballet Academy in St. Petersburg, Russia, where a pure, undiluted form of classical dance is taught.
 
Männer in Strumpfhosen

Am Anfang des 19. Jahrhunderts hatten noch die Männer die Bühne dominiert. Dann standen, im Romantischen Ballett, die Tänzerinnen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Aufgabe der Tänzer, wie damals Jules Perrot und Arthur Saint-Léon, war, der gefeierten Ballerina ihre starken Arme zu leihen. Der neue Stil betonte die weicheren Bewegungen und den leicht gebeugten Oberkörper, was besonders der weiblichen Eleganz zupasskam. Der Spitzenschuh kam in Mode, was noch feinere Fußarbeit erlaubte. Und um die besser sehen zu können, wurden auch die Röcke kürzer. Bis heute werden diese Standards des Romantischen Balletts von vielen Kompanien hochgehalten, denn die traditionellen und scheinbar zeitlosen Handlungsballette finden immer noch ihr entzücktes Publikum. Im Mittelpunkt: die Ballerina. Wie passen da moderne Männer in dieses weibliche Bild vom Ballett? Spielen die Topathleten von heute noch immer die zweite Geige?
Wir fragten die Männer am Bayerischen Staatsballett, den Ersten Solisten Alen Bottaini und seinen Chef Ivan Liska.

«Ballet is a woman», ihre Partner nennt man «Männer in Strumpfhosen». Was sagen Sie zu diesen kaum ausrottbaren Vorurteilen?
Alen Bottaini: Wir arbeiten hart daran, sie zu ändern! Außerhalb der Stä d te sind die Vorurteile in der Tat immer noch sehr stark. Schon als Kind lernt man: Mädchen gehen ins Ballett, Jungs spielen Fußball. Ich bin glücklicherweise in der Ballettschule meiner Mutter aufgewachsen. Aber in der regulären Schule haben sich alle über mich lustig gemacht. Tänzer waren für sie automatisch schwul. Fast unmöglich, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Haben Sie Fußball gespielt?
Alen Bottaini: Na klar. Mit zwölf habe ich mit dem Ballettunterricht angefangen; davor habe ich schon alle möglichen Sportarten betrieben. Ich war ja selbst nicht vorurteilsfrei. Bis man tanzt, weiß man gar nicht, was für harte Arbeit das ist. «Weibisch» ist das nun wirklich nicht. Ivan Liska: Schön zu hören, wie die junge Generation das sieht. Zu meiner Zeit sagte Béjart: «Ballet is man!» Und wir waren Zeugen eines Wandels des männlichen Begehrens, das nicht mehr nur auf geistige Leistung ausgerichtet war, sondern mit dem Körper glänzen wollte.
Jetzt ist das gang und gäbe; man muss sich nur die Mode anschauen. Davon abgesehen ist die Situation natürlich nicht in jedem Land gleich. In Osteuropa wurden die Künste vom Staat stark unterstützt; Ballett hatte ein ähnliches Prestige wie in Dänemark, Schweden oder Frankreich. Als Opernballett-Tänzer war man nationaler Kulturschatz.
Unter diesen Umständen wiegen natürlich die erwähnten Vorurteile nicht so schwer. Hier? Entwickelt sich die Gesellschaft auch weiter, und Homosexualität ist ein Lebensstil unter anderen. Ballett steht für das Publikum jedoch immer noch für Sublimierung, also etwas Erhabenes, Verfeinertes. Zu viel Testosteron ist dem manchmal eher abträglich. Sexuelle Präferenzen sind egal, solange man ein sensibler Mensch ist – wichtig ist, ob «mann» als Choreograf oder Tänzer Emotionen in Bewegung übersetzen kann, um uns die Welt anders, neu zu zeigen. Dafür ist Tanz schließlich da. Also: «Männer in Strumpfhosen»? Wunderbar!

Sie sind als Ballettdirektor für das Profil verantwortlich, entscheiden also, wie die Männerrollen in Ihrer Kompanie aussehen...
Ivan Liska: Wir haben schon bewiesen, dass wir an Weihnachten nicht unbedingt den «Nussknacker » zeigen müssen – Forsythes «Limb’s Theorem» geht genauso. Damit sagen wir unserem Publikum, wir lieben euch, aber im Tanz geht’s da lang. Den Tänzern hat das sowieso gefallen.

Wollen Sie damit sagen, dass der Manierismus der Handlungsballette des 19. Jahrhunderts überholt ist?
Ivan Liska: Nein, das nicht. Wir müssen und werden sie auch weiter pflegen. Man kann nun mal Petipa nicht in Turnschuhen tanzen, wie man Händel vielleicht in Jeans singen kann. Überarbeiten kann man die Stoffe schon, wie Mats Ek das zum Beispiel getan hat. Aber die Tänzer sind auch durchaus neugierig auf ihr Erbe. Die klassische Tradition im Ballett ist ja nicht trivial. Was im menschlichen Körper passiert, und wie wir das ausdrücken, ist schon damals sehr lange sehr gründlich untersucht worden.

Wenn Sie die Klassiker des 19. Jahrhunderts tanzen – sind Sie dieselben Männer wie außerhalb des Theaters oder in einem zeitgenössischen Stück?
Alen Bottaini: Die Rollen sind natürlich völlig unterschiedlich. Das heißt aber nicht, dass ich groß darüber nachdenke, welche Art Mann ich für «Giselle» oder «Dornröschen» sein muss. Ich spiele einfach die jeweilige Rolle. Zum Teil sind die historischen Kostüme daran schuld, dass die Leute vielleicht Schwierigkeiten haben, uns als «richtige» Männer zu sehen. Deswegen hat Béjart wohl seine Ballette gemacht – um ein für allemal zu zeigen, dass wir selbstverständlich Männer sind. Auch der moderne und zeitgenössische Tanz hat unserem Image sehr genützt.
Ivan Liska: Sind wir dieselben, wenn wir Auto fahren, am Automaten Geld abheben und dann später ein Paar Strumpfhosen anziehen und auf die Bühne gehen? Ja, sind wir. Im Endeffekt geht es immer um das wahrhaftige Gefühl bei der Interpretation einer Rolle. Ob nun Ek oder Petipa, ob das Publikum überzeugt ist, hängt von unserer Darstellung ab. Etwas nur zu reproduzieren, was es schon gibt, ist zu einfach. Wenn man 2009 vor die Zuschauer tritt, muss man ihnen glaubhaft machen, dass sie das da oben selbst sein könnten. Egal welches Werk von welchem Choreografen man tanzt, es muss spontan und von innen kommen. Dann wird es das Publikum interessieren.

Sie sagen also, der Mensch ist im Kern der gleiche geblieben. Was von Herzen kommt ist zeitlos, unabhängig von Stilen und Moden?
Ivan Liska: Ganz genau.

Dann wäre es falsch, Inhalt und Form zu trennen oder Klassisches und zeitgenössisches Ballett in unterschiedliche Schubladen zu stecken?
Ivan Liska: Ich sehe das doch an den Tänzern. Sie benutzen iPhones, um sich zu Studienzwecken anatomische Programme aus dem Internet zu laden. Und dann erzählen sie «Le Corsaire», eine Piratengeschichte von 1858, und haben unheimlich Spaß daran. Niemand muss sie zwingen.

Vor ein paar Jahren hat eine Wochenzeitschrift eine Serie Fotos von Ihnen, Herr Liska, veröffentlicht – auf denen Sie Fußball spielen. Sieht das immer ein bisschen aus wie ein Pas de deux mit dem Leder?
Ivan Liska: Nein.
Alen Bottaini: Doch!
Ivan Liska: Fußball ist gefährlich für Tänzer. Ich habe natürlich immer Angst, die Tänzer könnten sich verletzen. Wenn wir im Sommer, am Saisonende, spielen, sind alle ein bisschen müde und die Verletzungsgefahr ist höher. Deswegen spielen wir nicht öfter.
Alen Bottaini: Aber wenn wir kicken, dann oft so hoch, dass wir mit den Zehen fast unsere Nase berühren. «Fußballett» – da ist was dran.

Wann wird Ballett für g’standene Mannsbilder interessant? Gibt es da eine historische Periode, einen Choreografen, bestimmte Rollen? Es gibt ja auch solche, da steht der Mann nur hinter der Ballerina und hebt sie über die Bühne.
Alen Bottaini: Für mich ist es immer interessant, auf der Bühne zu sein. Die Verbindung zu meiner Partnerin erleichtert es mir sogar, mehr zu geben. Ob ich dabei hinter ihr stehe, macht keinen Unterschied.