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Männer in Strumpfhosen
Am Anfang des 19. Jahrhunderts hatten noch die Männer die Bühne
dominiert. Dann standen, im Romantischen Ballett, die Tänzerinnen
im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Aufgabe der Tänzer, wie
damals Jules Perrot und Arthur Saint-Léon, war, der gefeierten Ballerina
ihre starken Arme zu leihen. Der neue Stil betonte die weicheren
Bewegungen und den leicht gebeugten Oberkörper, was besonders
der weiblichen Eleganz zupasskam. Der Spitzenschuh kam
in Mode, was noch feinere Fußarbeit erlaubte. Und um die besser
sehen zu können, wurden auch die Röcke kürzer. Bis heute werden
diese Standards des Romantischen Balletts von vielen Kompanien
hochgehalten, denn die traditionellen und scheinbar zeitlosen Handlungsballette
finden immer noch ihr entzücktes Publikum. Im Mittelpunkt:
die Ballerina. Wie passen da moderne Männer in dieses
weibliche Bild vom Ballett? Spielen die Topathleten von heute noch
immer die zweite Geige?
Wir fragten die Männer am Bayerischen Staatsballett, den Ersten
Solisten Alen Bottaini und seinen Chef Ivan Liska.
«Ballet is a woman», ihre Partner nennt man «Männer in
Strumpfhosen». Was sagen Sie zu diesen kaum ausrottbaren
Vorurteilen?
Alen Bottaini: Wir arbeiten hart daran, sie zu ändern! Außerhalb der
Stä d te sind die Vorurteile in der Tat immer noch sehr stark. Schon als
Kind lernt man: Mädchen gehen ins Ballett, Jungs spielen Fußball. Ich
bin glücklicherweise in der Ballettschule meiner Mutter aufgewachsen.
Aber in der regulären Schule haben sich alle über mich lustig gemacht.
Tänzer waren für sie automatisch schwul. Fast unmöglich, sie vom
Gegenteil zu überzeugen.
Haben Sie Fußball gespielt?
Alen Bottaini: Na klar. Mit zwölf habe ich mit dem Ballettunterricht
angefangen; davor habe ich schon alle möglichen Sportarten betrieben.
Ich war ja selbst nicht vorurteilsfrei. Bis man tanzt, weiß man gar
nicht, was für harte Arbeit das ist. «Weibisch» ist das nun wirklich nicht.
Ivan Liska: Schön zu hören, wie die junge Generation das sieht. Zu
meiner Zeit sagte Béjart: «Ballet is man!» Und wir waren Zeugen eines Wandels des männlichen Begehrens, das
nicht mehr nur auf geistige Leistung ausgerichtet
war, sondern mit dem Körper glänzen wollte.
Jetzt ist das gang und gäbe; man muss sich
nur die Mode anschauen. Davon abgesehen ist
die Situation natürlich nicht in jedem Land gleich.
In Osteuropa wurden die Künste vom Staat stark
unterstützt; Ballett hatte ein ähnliches Prestige
wie in Dänemark, Schweden oder Frankreich. Als
Opernballett-Tänzer war man nationaler Kulturschatz.
Unter diesen Umständen wiegen natürlich
die erwähnten Vorurteile nicht so schwer.
Hier? Entwickelt sich die Gesellschaft auch weiter,
und Homosexualität ist ein Lebensstil unter
anderen. Ballett steht für das Publikum jedoch
immer noch für Sublimierung, also etwas Erhabenes,
Verfeinertes. Zu viel Testosteron ist dem
manchmal eher abträglich. Sexuelle Präferenzen
sind egal, solange man ein sensibler Mensch ist
– wichtig ist, ob «mann» als Choreograf oder
Tänzer Emotionen in Bewegung übersetzen
kann, um uns die Welt anders, neu zu zeigen.
Dafür ist Tanz schließlich da. Also: «Männer in
Strumpfhosen»? Wunderbar!
Sie sind als Ballettdirektor für das Profil
verantwortlich, entscheiden also, wie die
Männerrollen in Ihrer Kompanie aussehen...
Ivan Liska: Wir haben schon bewiesen, dass
wir an Weihnachten nicht unbedingt den «Nussknacker
» zeigen müssen – Forsythes «Limb’s
Theorem» geht genauso. Damit sagen wir unserem
Publikum, wir lieben euch, aber im Tanz geht’s da lang. Den
Tänzern hat das sowieso gefallen.
Wollen Sie damit sagen, dass der Manierismus der Handlungsballette
des 19. Jahrhunderts überholt ist?
Ivan Liska: Nein, das nicht. Wir müssen und werden sie auch weiter
pflegen. Man kann nun mal Petipa nicht in Turnschuhen tanzen,
wie man Händel vielleicht in Jeans singen kann. Überarbeiten kann
man die Stoffe schon, wie Mats Ek das zum Beispiel getan hat. Aber
die Tänzer sind auch durchaus neugierig auf ihr Erbe. Die klassische
Tradition im Ballett ist ja nicht trivial. Was im menschlichen Körper passiert,
und wie wir das ausdrücken, ist schon damals sehr lange sehr
gründlich untersucht worden.
Wenn Sie die Klassiker des 19. Jahrhunderts tanzen – sind Sie
dieselben Männer wie außerhalb des Theaters oder in einem
zeitgenössischen Stück?
Alen Bottaini: Die Rollen sind natürlich völlig unterschiedlich. Das heißt
aber nicht, dass ich groß darüber nachdenke, welche Art Mann ich
für «Giselle» oder «Dornröschen» sein muss. Ich spiele einfach die jeweilige
Rolle. Zum Teil sind die historischen Kostüme daran schuld,
dass die Leute vielleicht Schwierigkeiten haben, uns als «richtige» Männer
zu sehen. Deswegen hat Béjart wohl seine Ballette gemacht – um
ein für allemal zu zeigen, dass wir selbstverständlich Männer sind. Auch
der moderne und zeitgenössische Tanz hat unserem Image sehr
genützt.
Ivan Liska: Sind wir dieselben, wenn wir Auto fahren, am Automaten
Geld abheben und dann später ein Paar Strumpfhosen anziehen
und auf die Bühne gehen? Ja, sind wir. Im Endeffekt geht es immer
um das wahrhaftige Gefühl bei der Interpretation einer Rolle. Ob nun
Ek oder Petipa, ob das Publikum überzeugt ist, hängt von unserer Darstellung
ab. Etwas nur zu reproduzieren, was es schon gibt, ist zu einfach.
Wenn man 2009 vor die Zuschauer tritt, muss man ihnen glaubhaft machen, dass sie das da oben selbst
sein könnten. Egal welches Werk von welchem
Choreografen man tanzt, es muss
spontan und von innen kommen. Dann wird
es das Publikum interessieren.
Sie sagen also, der Mensch ist im Kern
der gleiche geblieben. Was von Herzen
kommt ist zeitlos, unabhängig von Stilen
und Moden?
Ivan Liska: Ganz genau.
Dann wäre es falsch, Inhalt und Form zu
trennen oder Klassisches und zeitgenössisches
Ballett in unterschiedliche
Schubladen zu stecken?
Ivan Liska: Ich sehe das doch an den Tänzern.
Sie benutzen iPhones, um sich zu Studienzwecken
anatomische Programme aus
dem Internet zu laden. Und dann erzählen
sie «Le Corsaire», eine Piratengeschichte
von 1858, und haben unheimlich Spaß daran.
Niemand muss sie zwingen.
Vor ein paar Jahren hat eine Wochenzeitschrift
eine Serie Fotos von Ihnen,
Herr Liska, veröffentlicht – auf denen Sie
Fußball spielen. Sieht das immer ein
bisschen aus wie ein Pas de deux mit
dem Leder?
Ivan Liska: Nein.
Alen Bottaini: Doch!
Ivan Liska: Fußball ist gefährlich für Tänzer.
Ich habe natürlich immer Angst, die Tänzer
könnten sich verletzen. Wenn wir im Sommer,
am Saisonende, spielen, sind alle ein
bisschen müde und die Verletzungsgefahr ist
höher. Deswegen spielen wir nicht öfter.
Alen Bottaini: Aber wenn wir kicken, dann
oft so hoch, dass wir mit den Zehen fast unsere
Nase berühren. «Fußballett» – da ist
was dran.
Wann wird Ballett für g’standene
Mannsbilder interessant? Gibt es da eine
historische Periode, einen Choreografen,
bestimmte Rollen? Es gibt ja
auch solche, da steht der Mann nur hinter
der Ballerina und hebt sie über die
Bühne.
Alen Bottaini: Für mich ist es immer interessant,
auf der Bühne zu sein. Die Verbindung
zu meiner Partnerin erleichtert es mir
sogar, mehr zu geben. Ob ich dabei hinter
ihr stehe, macht keinen Unterschied.
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